Aus dem Alltag . . .

Liebe Leserin und lieber Leser,

auch ich muss in diesen Zeiten – genau wie Sie - mein Leben neu organisieren. Alle festen Termine außer Haus sind weggebrochen, keine Gottesdienste, kein Treffen der Kolpingsfamilie mehr. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten die neue Situation zu akzeptieren, bin ich vor drei Tagen dazu übergegangen, meine kleine Bibliothek einmal zu durchforsten – es liegen mir zu viele Bücher gestapelt drum herum.

Gestern hatte ich jenes Regal zu fassen, in dem die Bücher recht chaotisch stehen – einige sind sogar nach hinten gerutscht – ich hatte sie gar nicht mehr auf dem Schirm. Eines davon war die »Einführung in das Christentum« von Joseph Ratzinger aus dem Jahre 1968, die Pflichtlektüre im späteren Studium. Ich nahm sie zur Hand, setzte mich hin und las die Geschichte über einen Clown und ein brennendes Dorf, die Ratzinger gleich zu Beginn erzählt. Ursprünglich ist sie wohl eine Gleichniserzählung von Kierkegaard, in diesem Fall wurde sie von Harvey Cox in seinem Buch: „Stadt ohne Gott“ aufgegriffen.

Ratzinger erzählt, dass einmal ein Reisezirkus in Dänemark in Brand geraten ist. Der Direktor schickt den Clown, der schon fertig für seinen Auftritt war, in das nächstgelegene Dorf, um Hilfe zu holen. Es besteht die Gefahr, dass über die abgeernteten und ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen könnte. Der Clown rennt in das Dorf und bittet die Bewohner, schnell zum Zirkus zu kommen und beim Löschen zu helfen. Aber die Menschen halten das Geschrei des Clowns für einen cleveren Werbegag, um möglichst viele Menschen in den Zirkus zu locken: sie klatschen Beifall und lachen bis ihnen die Tränen kommen. Der Clown findet dies gar nicht lustig. Er fleht, beschwört die Menschen, er versucht ihnen die Gefahr klarzumachen, dass es kein Trick sei, sondern voller Ernst, es brenne wirklich. Seine Versuche erzeugen bei den Menschen noch mehr Gelächter. Sie finden sogar, dass er seine Rolle super gekonnt spielt – bis schließlich das Feuer auf das Dorf übergreift und alles zu spät ist. Das Dorf und der Zirkus verbrennen gleichermaßen.

Liebe Leserinnen und Leser, Sie und ich erleben solche Verhaltensweisen der Menschen nur mit dem großen Unterschied, dass die Nachricht von der Bedrohung nicht durch einen Clown, sondern durch seriöse Wissenschaftler und ernstzunehmende Politiker verkündet wird. Da kann man nur noch mit dem Kopf schütteln.

Aber es geht auch noch um etwas anderes. Ratzinger überschreibt das Kapitel in seinem Buch: Zweifel und Glaube – die Situation des Menschen vor der Gottesfrage und spricht in der Folge nicht nur von der Schwierigkeit den Glauben zu verkünden, sondern auch davon, dass wir alle nicht gefeit davor sind, dass wir die Geborgenheit des eigenen Glaubens kurzzeitig infrage stellen und spüren, dass wir uns in unserem Zweifel gar nicht so stark von anderen unterscheiden. Das Coronavirus bringt es an den Tag, dass unser Glaube, der irgendwie selbstverständlich schien, nicht vor der Brüchigkeit des Lebens schützt. Unser Glaube wird in dieser Zeit herausgefordert und auf die Probe gestellt. – Noch nie habe ich mich Evangelium vom Blindgeborenen so wiedergefunden, wie am Sonntag Lätare.

Angesichts der Katastrophe hilft nur noch beten – Gott um Hilfe bitten. Ihn herbeibeten gegen die Pandemie durch wohlformulierte Fürbitten wird kaum helfen. Unser Gebet muss existenzieller werden – vielleicht auch klagender, manchmal auch anklagend, wie bei Hiob. Aber im Wesentlichen geht es darum, dass wir darum beten und bitten, dass wir sehend werden.

Davon spricht das Schlussgebet des Sonntags Lätare – übersetzt: Freue dich.

Allmächtiger Gott,

dein ewiges Wort ist das wahre Licht,

das jeden Menschen erleuchtet.

Heile die Blindheit unseres Herzens,

damit wir erkennen, was vor dir recht ist,

und dich aufrichtig lieben.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen  

                        Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche. Bleiben sie gesund!

Ihr Diakon i. R. Hans Spelters