Aus dem Alltag . . .

Liebe Leserin und lieber Leser,

in dieser 22. Kalenderwoche habe ich Probleme mit der Konzentration. Andere sagen vielleicht: Ich sei irgendwie genervt. Das mag sein, vielleicht bin ich nur dünnhäutiger geworden, denn in den Nachrichten geht es nicht mehr so sehr um das Ansteckungsrisiko durch Covid-19, sondern um „Rettungsschirme“ und „Lockerungsübungen“ – und ich merke: Ich werde nicht lockerer.

Meine Gedanken hängen seit 10 Tagen einem Artikel in der Zeit vom 16. April 2020 (Nr. 17) unter der Überschrift »Hier spricht die Risikogruppe« nach. Meist lese ich die Zeitung innerhalb der dann folgenden Woche und schneide aber jene Seiten heraus, die ich noch intensiver lesen möchte. So fiel mir auch der Artikel „Risikogruppe“ wieder in die Hände. Vier Personen über 70 Jahre werden drei Fragen gestellt: Wie erleben sie diese Zeit? Wie schützen sie sich? Wovor haben sie Angst?

Mitten im Artikel auf der Seite 63 der Zeitung platzierte der Setzer folgenden Textausschnitt:

» Mein

Hauptschmerz

ist, dass mir die

Zeit davonläuft«

Senta Berger

Frau Berger schätze ich als Schauspielerin sehr, sie ist drei Jahre älter als ich, und sie äußert diesen Satz in folgendem Zusammenhang: » Mein Hauptschmerz ist, dass mir die Zeit davonläuft. Ich habe noch Familie in Wien, da gibt es kleine Neffen und Nichten, darunter auch Babys, und ich denke mir, werde ich euch wiedersehen? Ihr werdet mich vergessen! Das schmerzt mich, aber ich hätte das vielleicht gar nicht aussprechen sollen, weil es doch Jammern auf hohem Niveau ist. …«

Liebe Leserin und lieber Leser,

ich finde es gut, dass Frau Berger das ausspricht, was sie schmerzt. Wir als Großeltern und Ur-Großeltern können dies gut nachvollziehen. Gut, dass es die sozialen Kommunikationsmöglichkeiten gibt, so dass wir auch weiterhin am Leben unserer großen Familie teilnehmen können. Gerade in Zeiten wie diesen sollte sensibel und wahrhaftig miteinander umgegangen werden.

Angst macht mir – und damit beginne ich auf die letzte Frage zuerst zu antworten – dass Leichtfertigkeit und Unvernunft um sich greifen, Fake-News und Intoleranz an Dominanz gewinnen. Lernen wir denn gar nichts aus der Krise? Angst macht es mir, wenn die Sorge um die Bundesliga einen höheren Stellenwert bekommt, als der Schutz und die Sorge um die Menschen in Alters- und Pflegeheimen und um die Flüchtenden auf dem Mittelmeer oder die Menschen in den Corona-Krisen anderer Regionen.

Und wie schütze ich mich? Zunächst einmal so, wie die Vorgaben des Staates und der Gesundheitsämter es vorsehen. Auch wenn ich unter der Schutzmaske nur schwer Luft bekomme und mir dauernd die Brille beschlägt. Trotzdem vertraue ich darauf, dass Jung und Alt sich der gegenseitigen Verantwortung für einander bewusst sind und sich gegenseitig schützen. In diesem Sinne habe ich etwas gegen den Begriff „Risikogruppe“ auch weil er unbewusst die Gesellschaft spaltet.

Liebe Leserin und lieber Leser,

bei der Beantwortung der ersten Frage, wie ich diese Zeit erlebe? – bin ich Hin- und Hergerissen. Vielleicht geht es Ihnen auch so, dass Sie sich eigentlich weigern die Zukunft zu planen, weil diese unter Vorbehalt steht, oder weil Sie sich – so wie ich – vor der Enttäuschung schützen wollen, dass die Pläne Schall und Rauch sind. Hinzukommt auch noch das Empfinden, dass plötzlich die Frage nach wichtig und unwichtig im Raum steht und nun vieles überlagert. Die Begründung: Mit Mund-Nasen-Schutz einzukaufen, mache keinen richtigen Spaß – macht ja eigentlich nur Sinn, wenn ich gleichzeitig etwas gegen Geschäfte mit überschaubarer Käuferzahl habe. Dahinter steckt mehr! Warum will ich mich nicht „belohnen“?

Manchmal scheint es mir, als würde der Verzicht auf Nähe, auf in den Arm nehmen, auf Freude und Fröhlichkeit bei Geburtstagen und Festlichkeiten, sich allmählich in mich „reinschleichen“ und sich als eine Art Hemmung breit machen, die gerade nicht durch Sonnenschein und durch Lockerungen der Vorsichtsmaßnahmen aller Orten genommen wird. Und ich merke, dass ich die Situation viel besser „abkonnte“, als viele sie solidarisch ertragen mussten und einander getragen haben. Nun muss ich vieles alleine entscheiden, trage viel mehr Verantwortung.

Liebe Leserin und lieber Leser,

den Schmerz von Frau Berger, dass Ihr die Zeit davonläuft, deute ich für mich als Gewinn und Chance, um endlich jene Sachen zu machen, die ich eigentlich immer schon machen wollte und hätte machen sollen. So ganz allmählich dämmert mir, dass damit bei mir » eine neue Normalität « Platz bekommen kann, dass diese Zeit in der ich lebe keine Bedrohung, sondern Geschenk ist – auch wenn es paradox klingt und Corona nicht hätte sein müssen.

Kennen Sie das, dass Ihnen eine Melodie nicht aus dem Kopf geht? Bei mir ist es die Melodie von Lied Nr. 440 im Gotteslob – die ich öfters am Tag sogar vor mich her pfeife, den Text kenne ich auswendig:

                                                               Hilf, Herr meines Lebens,

                                                dass ich nicht vergebens,

dass ich nicht vergebens

hier auf Erden bin.

Hilf, Herr meiner Tage,

dass ich nicht zur Plage,

dass ich nicht zur Plage

meinem Nächsten bin.

Hilf, Herr meiner Stunden,

dass ich nicht gebunden,

dass ich nicht gebunden

an mich selber bin.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche. Bleiben sie gesund!

Ihr Diakon i. R. Hans Spelters