Aus dem Alltag . . .

Liebe Leserin und lieber Leser,

Fronleichnam ist in diesem Jahr völlig anders als sonst. Wer als Kind bei den Fronleichnamsprozessionen in der Vorbereitung mitgeholfen hat und dann später dabeigeblieben ist, für den hat sich sein Leben mit der Tradition und dem Brauchtum der Kirche verbunden. Mit der Fronleichnamsprozession verbinde ich aber auch eine Täuschung, die mir erst bewusst wurde, als ich in den Norden der Republik kam. In meine Erlebniserinnerung hatte sich durch Fronleichnam das Empfinden eingeschlichen, dass die „ganze Stadt“, in der ich lebte, katholisch sei. Natürlich hätte mir damals schon auffallen müssen, dass mein Freund Helmut von gegenüber als evangelischer Christ eben nicht dabei gewesen ist. Als ich dann vor 55 Jahren durch die Bundeswehr nach Schleswig-Holstein kam, habe ich gemerkt, was es heißt in die Diaspora zu kommen – aber da sitzt eben die Täuschung: Ich kam schon aus der Diaspora.

Wie kann es sein, dass ich als Kind und Jugendlicher mir damals so sicher gewesen bin? – In dieser Zeit lebte ich in Siegen in Westfalen, gehörte zur St. Michael-Gemeinde und ging auf eine katholische Volksschule. Schule und Kirche lagen höchstens 500 m auseinander, Pfarrer Wiemann war gleichzeitig unser Religionslehrer. Bis zum Stimmbruch war ich bei den Don-Bosco-Sängerknaben und als Messdiener habe ich das „Confiteor…“ zügig auf Latein für die Gemeinde an den Altarstufen „runtergebetet“. – Höhepunkt des Jahres war Fronleichnam: sowohl die Vorbereitungen als auch die Prozession. Leider habe ich kein Foto von Fronleichnam, wohl aber eines, das Teile der festlichen Gemeinde beim Einzug im Anschluss an die Erstkommunion zeigt. Wären da nicht die Menschen in dicken Mänteln, könnte es auch nach einer Fronleichnamsprozession entstanden sein.

Diese endete in unserer Michaelskirche. Allein diese Tatsache habe ich damals schon als etwas Besonderes empfunden. In den Fünfzigerjahren zählte Siegen ungefähr 30 000 Einwohner, hatte verschiedene kleinere Kapellen (u.a. in den Krankenhäusern) und drei Hauptkirchen – St. Marien, St. Peter und Paul und St. Michael. Da wir auf einem der sieben Berge wohnten, die die Stadt umlagerten, gehörte es für mich zum Ablauf der Woche, dass meine Mutter samstags um 19 Uhr das Balkonfenster öffnete, um die Glocken dieser Kirchen zu hören, die den Sonntag einläuteten.

Vor der Fronleichnamswoche wurden wir über die Schule schon informiert, dass das große Fest viel Blumenschmuck braucht – was auch heißt: Körbeweise Blütenblätter für die Teppiche sammeln, die den Aufgang zum Abschlussaltar vor der Kirchentür schmückten und meist Kunstwerken ähnelten. In dieser Zeit der Vorbereitung galt unsere Hauptsorge dem Blütenstand von Lupinen, Maria Bettstroh und Ginster. Letzteren gab es in Unmengen an den Bahndämmen, aber eben nur, wenn Fronleichnam und die Natur zueinander passten. Was brauchten wir noch? Natürlich keinen Regen, denn zwei Tage vor dem Fest fingen wir mit dem Ausgestalten der Teppichornamente rund um die Kirche an. Ich will nicht verschweigen, dass es unter den Jugendlichen der drei Gemeinden so etwas wie einen Wettbewerb gegeben hat. Allerdings hatte St. Marien keinen eigentlichen Vorplatz, sondern der Altar hatte seinen Ort oben auf der Rathaustreppe mit dem Krönchen der evangelischen St. Nikolai-Kirche im unmittelbaren Hintergrund. Dieses öffentliche Gelände konnte meist nur einen Tag für den Aufbau des Altares und dem Schmuck der Straße gesperrt werden. Die Anwohner rund um die Kirche der Oberstadt schmückten ihre Häuser aber besonders.

Am Tag des großen Festes stellte sich die Prozession auf einer der breitesten Straße in der Nähe von St. Michael zusammen – aus den anderen Bereichen kamen während der Prozession weitere Gruppen mit ihren Fahnen und Bannern hinzu. Für die Kommunionkinder war dieser Tag nach ihrer Erstkommunion ein besonders wichtiger Tag, durften sie doch in ihren Kommunionkleidern in unmittelbarer Nähe des Allerheiligsten sein, manchmal sogar näher als wir gewöhnlichen Messdiener. Ganz nah dem Himmel, weil sie ihn tragen durften, waren ältere Männer im dunklen Anzug und weißen Handschuhen. – Nun ging es los: mit dem Allerheiligsten von Kirche zu Kirche – St. Michael – Peter und Paul – zu St. Marien / Rathaustreppe und zurück zu St. Michael.

Zwei Dinge sind mir noch wichtig: Ich fand es normal und faszinierend zugleich, dass der HERR auf dem Altar der Rathaustreppe genau dort zu sehen war, wo zuvor große Redner aufgetreten sind, denen ich zugehört habe: u.a. Pater Johannes Leppich SJ, Konrad Adenauer, Herbert Wehner und Bundespräsident Heinrich Lübke – auch wenn ich nicht alles verstanden habe. Bei meiner letzten Prozession an Fronleichnam durfte ich vom Rathaus bis zum Schlusssegen sogar das Weihrauchfass mitführen – allmählich gehörte ich zu den Großen. Nicht so gefallen hat mir, dass es anfing zu regnen. Da wir nicht überall Blütenblätter, sondern eingefärbtes Sägemehl (Umweltbewusstsein!) genommen haben, wurde es stellenweise eine matschige Angelegenheit.

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie war noch mal die Frage? Wie kann es sein, dass ich als Kind und Jugendlicher mir damals so sicher gewesen bin? Aus dem Geschriebenen geht ja eindeutig hervor in welch heiler Welt ich gelebt habe. Ich habe gespürt, dass sich mit dieser Prozession Sehnsüchte und Lebenserinnerungen vieler Menschen verbunden haben, denn 1939 zog zum letzten Mal die Fronleichnamsprozession durch die Straßen der Stadt. Danach wurde sie verboten, bis zum Ende des „Dritten Reiches“. Bei der ersten Fronleichnamsprozession nach dem Krieg sollen laut Kirchenchronik mehr als 11 000 Menschen teilgenommen haben.

Außerdem habe ich seit Kindertagen meine eigene Sicht auf dieses Fest gehabt. Die Erzählung vom brennenden Dornbusch hat mich stets fasziniert. So brachte ich den Dornbusch und die leuchtende Monstranz in direkten Zusammenhang. Bonhoeffers Satz: »Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig« bekam durch Fronleichnam Hand und Fuß.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche. Bleiben sie gesund!

Ihr Diakon i. R. Hans Spelters