Liebe Leserin und lieber Leser,

nun sind wir liturgisch wieder bei den Sonntagen im Jahreskreis angelangt – also in einer Zeit, in der festtagsmäßig nicht viel Außergewöhnliches anliegt. Ich weiß, dass diese Aussage theologisch gewagt ist, denn jeder Sonntag ist ja ein Fest der Auferstehung: ein Geheimnis des Glaubens, denn wir bekennen: »Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.« Gerade in dieser liturgisch g r ü n e n Zeit entfaltet die Kirche die Erwartung der seligen Hoffnung und der Ankunft des Herrn. Mit Blick auf das Herrenjahr und damit auf die Heilsgeheimnisse Christi geht es nicht um ein chronologisches Gedenken der Ereignisse des Lebens Jesu in einem historischen Nachvollzug, sondern um das ganze Mysterium (Geheimnis) Christi mit seiner Kirche im Heute dieser Welt. Im Klartext: Es geht nicht so sehr um die Person Christi, sondern um sein Erlösungswerk. Gefühlt denkt man doch, dass das Herrenjahr mit dem kleinen Jesus anfängt und mit Karfreitag/Ostern endet – de facto eine chronologische Lebensgeschichte. Dem ist nicht so, denn der Ausgangspunkt ist geradezu nicht dieses historisierende Motiv, sondern im Zentrum stehen die drei österlichen Tage. So gibt es sieben Perioden des Herrenjahres: I. das Sacrum Triduum vom Gründonnerstag bis Ostersonntag, II. die Osterzeit (vom Ostersonntag bis zum Pfingstsonntag), III. die österliche Bußzeit (vom Aschermittwoch bis zum Mittag des Gründonnerstags), IV. die Weihnachtszeit, V. den Advent, VI. die Zeit des Jahreskreis, VII. die Bitt- und Quatembertage. Die drei großen zusammenhängenden Perioden sind klassisch: 1. Der Osterfestkreis, 2. Der Weihnachtfestkreis und 3. die Zeit im Jahreskreis. In diesem sind wir jetzt richtig angekommen und haben allen Grund zu feiern und überhaupt gilt:

Unser Leben sei ein Fest, Jesu Geist in unserer Mitte,

Jesu Werk in unseren Händen, Jesu Geist in unseren Werken.

Unser Leben sein ein Fest in dieser Stunde und jeden Tag. (Gotteslob 819)

Liebe Leserin und lieber Leser,

wir wissen alle, der Alltag lässt eine dauerhafte Festtagsstimmung sowieso nicht zu – mit all seinen Herausforderungen und eingeschränkten Lebensgewohnheiten – gerade jetzt in Zeiten der Pandemie. Allerdings haben die Feiertage der letzten Zeit: Himmelfahrt – Pfingsten und Fronleichnam – den jeweiligen Wochenverlauf merklich beeinflusst, auch wenn nicht so stark wie in den Jahren zuvor.

Zurück im Alltag wechsle ich mit dem „Aufräumen“ zwischen den Arbeitszimmern: Büro und Werkstatt – und mache das, was ich immer mal machen wollte. Es gibt kleine Erfolge und ich freue mich darüber. Gestern kam ich nicht weiter, weil mir ein Heft von 1991 in die Hände fiel. Es hat den Titel: Viele Farben hat das Leben. Heft III: Dem Leben trauen. Herausgegeben durch das Bischöfliche Generalvikariat Osnabrück. Ich entdeckte auf Seite 124 eine Erzählung von Margery Williams, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. In einem meiner Berichte habe ich ja schon die Frage gestellt: »Was ist normal?« – nun heißt die Frage: »Was ist wirklich?«

Das Holzpferd

»Das Holzpferd«, so heißt es, »lebte länger im Kinderzimmer als irgendjemand sonst. Es war so alt, dass sein brauner Stoffüberzug ganz abgeschabt war und eine ganze Reihe Löcher zeigte. Die meisten seiner Schwanzhaare hatte man herausgezogen, um Perlschnüre auf sie aufzuziehen. Es war in Ehren alt und weise geworden . . .«

»Was ist wirklich?«, fragte eines Tages der Stoffhase, als sie Seite an Seite in der Nähe des Laufställchens lagen, noch bevor das Mädchen hereingekommen war, um aufzuräumen. »Bedeutet es, Dinge in sich zu haben, die summen, und mit einem Griff ausgestattet zu sein?

»Wirklich«, antwortete das Holzpferd, »ist nicht, wie man gemacht ist. Es ist etwas, was an einem geschieht. Wenn ein Kind dich liebt für eine lange, lange Zeit, nicht nur um mit dir zu spielen, sondern wirklich liebt, dann bist du wirklich.«

»Tut es weh?«, fragte der Hase.

»Manchmal«, antwortete das Holzpferd, denn es sagte immer die Wahrheit. »Wenn du wirklich bist, dann hast du nichts dagegen, dass es weh tut.«

»Geschieht es auf einmal, so wie wenn man aufgezogen wird«, fragte der Stoffhase wieder, »oder nach und nach?«

»Es geschieht nicht auf einmal«, sagte das Holzpferd. »Du wirst. Es dauert lange. Das ist der Grund, warum es nicht oft an denen geschieht, die leicht brechen oder die scharfe Kanten haben oder die schön gehalten werden müssen.

Im Allgemeinen sind zurzeit, da du wirklich sein wirst, die meisten Haare verschwunden, deine Augen sind ausgefallen; du bist wacklig in den Gelenken und sehr hässlich. Aber diese Dinge sind überhaupt nicht wichtig; denn, wenn du wirklich bist, kannst du nicht hässlich sein, ausgenommen in den Augen der Leute, die überhaupt keine Ahnung haben.

»Ich glaube, du bist wirklich«, meinte der Stoffhase. Und dann wünschte er, er hätte das nicht gesagt – das Holzpferd könnte empfindlich sein. Aber das Holzpferd lächelte nur.

Liebe Leserin und lieber Leser,

– seien wir wirklich!

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche. Bleiben sie gesund!

Ihr Diakon i. R. Hans Spelters